"Patientensicherheit - Herausforderung für die Zukunft". Unter diesem Motto diskutierten Ärzte, Politiker und Patientenvertreter aus Dänemark und Deutschland die Ergebnisse eines zweijährigen Interreg-Projektes gestern im Diakonissenkrankenhaus. Mit welchen Schwierigkeiten haben die Kliniken beiderseits der Grenze zu kämpfen? Was können sie voneinander lernen, wie ihre Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten verbessern?
Die wesentliche Erkenntnis: Obwohl die Länder räumlich so dicht beieinander liegen, sind die kulturellen Unterschiede gravierend. Während die Meldung von Behandlungsfehlern in dänischen Kliniken unbefangen möglich ist, müssen deutsche Ärzte in derselben Situation an juristische Konsequenzen denken. "Ein Dilemma", befand die Geschäftsführerin der Dänischen Gesellschaft für Patientensicherheit Britt Wendelboe. Silke Hinrichsen, Landtagsabgeordnete des SSW, forderte vor diesem Hintergrund ein Umdenken im deutschen Fehlermeldesystem: Klinik-Mitarbeiter sollten über Zwischenfälle reden können, ohne Angst vor den Folgen zu haben. "Man darf keine Sanktionen befürchten müssen, sobald man sich beim Patienten für einen Fehler entschuldigt", sagte Hinrichsen. Auch Christian Utler, Ärztlicher Direktor des St. Franziskus Hospitals, mahnte eine veränderte Rahmensetzung an: "Die juristische Seite muss gesichert sein. Man darf als Mediziner bei der Meldung von Fehlern nicht seinen Haftpflichtschutz verlieren."
Seit drei Jahren arbeitet ein Bündnis aus deutschen und dänischen Gesundheitsexperten unter Führung der Flensburger Fachhochschule an dem Projekt "Stärkung der Patientensicherheit zwischen Dänemark und Deutschland". Den Anstoß gab der tragische Tod einer deutschen Touristin vor einem dänischen Krankenhaus im Jahre 2008. Ihr war medizinische Hilfe verweigert worden, obwohl sie über eine Stunde vor der Klinik wartete. Eine dramatische Situation, auf die die Patientenvertreter beidseits der Grenze damals mit Unverständnis reagierten. So stand Professor Günther Jansen, Vorsitzender des Patientenombudsvereins Schleswig-Holstein, dem Projekt der Kliniken anfangs auch kritisch gegenüber. Gestern lobte er eine positive Entwicklung: "Was bisher angestoßen ist - Fehlermeldesysteme, Qualitätsaudits und gemeinsame Sicherheitsbegehungen - muss weiter entwickelt werden. Die Kurve darf nicht nach unten gehen." Zudem müsse die Zusammenarbeit über die Grenze hinweg weiter ausgebaut werden - auch im Hinblick auf den Versicherungsschutz der Kliniken: "Die Versicherungen müssen da mit eingespannt werden. Hier können wir viel von Dänemark lernen."
Viel voneinander lernen, sich gegenseitig ergänzen - das sei der Vorteil einer guten grenzüberschreitenden Zusammenarbeit betonte auch Johannes Gaub. Der ehemalige Ärztliche Direktor des Projektkrankenhauses in Vejle richtete den Blick auf die unterschiedlichen fachlichen Ausrichtungen der Kliniken. So sei es zur dänischen Tradition geworden, die Strahlentherapie im deutschen St. Franziskus Hospital zu nutzen. Ein Umstand, der erfreulich sei, aber neue Fehlerquellen berge, warnte Kristian Grønbæk Andersen vom dänischen Regionsrat. Das behandelnde Personal brauche Kenntnis und Sensibilität im Umgang mit Kultur und Sprache des Nachbarlandes.
Abschließend nannte Britt Wendelboe den demografischen Wandel als "eine riesige Herausforderung für beide Gesundheitssysteme". Steigende Behandlungserfordernisse und ein breiteres medizinisches Angebot würden für eine Kostenexplosion sorgen. "Wir müssen unsere Behandlungsmethoden also optimieren und können es uns nicht leisten, Menschen zu behandeln, die das nicht brauchen", mahnte Johannes Gaub.


